Orientierung und Orientierungsstörungen

Hilfe für Betroffene und Pflegende

Wo bin ich hier? Welcher Tag ist heute? Wie war noch mal Dein Name? Solche Fragen hört man von älteren Menschen öfter. Etwas zu vergessen oder durcheinanderzubringen, das kann jedem einmal passieren. Überschreitet es jedoch das normale Maß oder dauert der Zustand längere Zeit an, spricht man von Desorientierung beziehungsweise Orientierungsstörung.

Wegweiser © Thinkstock

Raum, Zeit, Person, Situation: die Eckpunkte der Orientierung

„Orientiert“ – in der Pflege bedeutet dieser Begriff unter anderem: Eine Person findet sich in Räumlichkeiten zurecht und kann andere, ihr bekannte Personen wiedererkennen. Auch zu wissen, warum man sich in der derzeitigen Situation befindet (zum Beispiel, dass man als Gast auf der Geburtstagsfeier eines Freundes geladen ist) gehört zum „Orientiertsein“ dazu. Orientierungsbereiche in der Pflege beziehen sich also auf Raum, Zeit, Person und Situation.

Bei älteren Menschen können vermehrt Probleme mit der Orientierung auftreten. Man spricht dann von Desorientierung oder Orientierungsstörungen. Diese können vorübergehend aber auch dauerhaft sein. Die Desorientierung muss allerdings nicht jeden Orientierungsbereich betreffen. Die Person kann also eventuell ihren derzeitigen Wohnort nicht benennen (räumliche Desorientierung), weiß aber, warum sie sich gerade an einem bestimmten Ort aufhält (situative Orientierung).

Krankheiten, Schlaf- und Flüssigkeitsmangel: Ursachen für Orientierungsstörungen

Durch den Alterungsprozess verschlechtert sich die Durchblutung des Gehirns. Häufig sind Ablagerungen in den Gefäßen (Arteriosklerose), Gefäßverschlüsse oder Blutgerinnsel – beispielsweise bei einem Schlaganfall – dafür verantwortlich. Auch eine Demenz- oder Alzheimer-Erkrankung kann Orientierungsstörungen verursachen. Diese Krankheiten treten nicht nur im hohen Alter auf. Bereits in jüngeren Jahren können sie die Hirnleistung stark beeinträchtigen – und führen mit Fortschreiten der Erkrankung nicht selten in die Pflegebedürftigkeit.

Ebenso können die Einnahme bestimmter Medikamente oder zu wenig Schlaf Ursache für Orientierungsstörungen sein. Pflegebedürftige und ältere Menschen trinken oft zu wenig. Flüssigkeitsmangel (Dehydration) ist einer der häufigsten Gründe für kurzzeitige Verwirrtheitszustände mit Desorientierung.

Orientierungsstörungen steigern den Pflegebedarf

Orientierungsstörungen erschweren oftmals die Pflege der Betroffenen. Diese können alltägliche Aufgaben teilweise nicht mehr ohne Hilfe erledigen. Eine fortschreitende Desorientierung führt häufig dazu, dass der Pflegebedürftige eine Rundumbetreuung benötigt. Zusätzlich können Orientierungsstörungen Hilflosigkeit, Angst und Aggressionen beim Betroffenen hervorrufen. Wegen des steigenden Pflegebedarfs bei Desorientierung, fließt das Maß der Orientierung/Desorientierung des Pflegebedürftigen in die Beurteilung des Pflegegrads ein.

Beispiele: So äußern sich Orientierungsprobleme

Wo bin ich hier? Warum sind wir hier? Solche Äußerungen deuten auf Orientierungsstörungen hin. Aber auch, dass der Betroffene fremde Zimmer betritt oder vorgibt Dinge zu wissen, die er eigentlich nicht weiß – um seine Orientierungsprobleme zu verbergen – können Zeichen von Desorientierung sein. Weitere Beispiele sind: 

Örtliche Desorientierung
Die Person
  • kann die Postanschrift ihrer Wohnung nicht benennen,
  • kann ihren Geburtsort nicht benennen,
  • weiß nicht, wo sie sich befindet.
Zeitliche Desorientierung
Die Person
  • kann nicht sagen, welche Tageszeit oder welcher Monat es ist,
  • kann nicht sagen, wie lange sie sich bereits am derzeitigen Ort befindet,
  • kann keine Aussagen über den zeitlichen Verlauf/Abfolge von Geschehnissen machen.
Personelle Desorientierung
Die Person
  • kann ihren Familiennamen nicht nennen,
  • kann ihr Alter nicht bestimmen,
  • weiß nicht, ob sie einen Partner/Kinder hat, beziehungsweise, wie viele Kinder sie hat.
Situative Desorientierung
Die Person
  • weiß nicht, warum sie sich an einem bestimmten Ort aufhält,
  • kann Funktionen und Positionen von Menschen nicht zuordnen,
  • kann Gebrauchsgegenstände nicht bestimmen oder unterscheiden.

Bewegung, Schlaf, gesunde Ernährung: Orientierungsproblemen vorbeugen

Ein gesunder Lebensstil kann Orientierungsproblemen vorbeugen. Konkret bedeutet das: ausreichend Schlaf, der Verzicht auf Suchtmittel, mäßiger Genuss von Alkohol, kontrollierter Umgang mit Medikamenten sowie eine gesunde, ausgewogene Ernährung und Bewegung an der frischen Luft. Wichtig ist auch, dass der Pflegebedürftige ausreichend trinkt. Konzentrationsübungen sind in jedem Alter empfehlenswert – sie halten den Geist fit.

Orientierungsstörungen behandeln – mit gezieltem Training und Übungen

Die Behandlung von Desorientierung richtet sich stets nach den Ursachen. Daher sollte beim Verdacht auf Orientierungsstörungen als erstes der Hausarzt, im Nachgang gegebenenfalls ein Facharzt aufgesucht werden. So kann der Arzt dann – je nach Erkrankung und Ursache – eine geeignete Therapie einleiten. Verschiedene Medikamente können zum Einsatz kommen. Ebenso können Entspannungsübungen oder Gesprächstherapien hilfreich sein. Eine mögliche, allerdings nicht unumstrittene Therapiemaßnahme bei Demenzerkrankungen, ist das Realitäts-Orientierungs-Training (ROT). Hierbei erhält der Erkrankte gezielt und stetig Informationen, die ihn an Zeit, Ort und die eigene Person erinnern.

Tipps: Was die Pflege erleichtert

Trotz Orientierungsstörungen die Selbstständigkeit des Pflegebedürftigen so weit wie möglich zu erhalten, erleichtert nicht nur die Pflege, sondern fördert auch das Wohlbefinden des Betroffenen selbst. Einfache Maßnahmen können die Orientierung des Pflegebedürftigen verbessern. Beispiele hierfür sind:
  • Uhren mit großen Ziffern und Zeigern aufstellen,
  • große Abreißkalender aufhängen, die auch die Jahreszeit (zum Beispiel mittels eines Bildes) anzeigen,
  • Dekoration aufhängen, die die Jahreszeit oder spezielle Ereignisse erkennen lässt (zum Beispiel Osterschmuck, Weihnachtsdekoration, Herbstdekoration und andere),
  • wichtige Türen oder Wege farbig markieren oder Bilder an den Türen aufhängen, die abbilden, was sich dahinter befindet (zum Beispiel ein Toilettenzeichen, ein Bild mit einem Bett an der Schlafzimmertür).
>> Ausführliche Maßnahmen zur Wohnraumanpassung bei Desorientierung und Demenz mit Checklisten finden Sie in unseren Videobeiträgen Wohnraumanpassung bei Demenz.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 10.11.2016
  • Autor/in: Anja Dolski, Medizinredakteurin, vitanet.de Redaktionsleitung; medizinische Qualitätssicherung: Cornelia Sauter, Ärztin, vitanet.de;
  • Quellen: http://www.psychiatrie.uni-frankfurt.de/lehre/skripte/demenz.pdf
  • http://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/publikationen/schriftenreihe/GKV-Schriftenreihe_Pflege_Band_6_18966.pdf
  • http://www.bmfsfj.de/doku/Publikationen/heimbericht/01-Redaktion/PDF-Anlagen/gesamtdokument,property=pdf,bereich=heimbericht,sprache=de,rwb=true.pdf
  • http://www.pqsg.de/seiten/openpqsg/hintergrund-standard-rot.htm
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