Gewaltprävention und Konfliktbewältigung

Wege aus der Eskalation

Konflikte und Gewalt in der Pflege – ein Tabuthema. Doch es passiert öfter als gedacht. Überforderung, Hilflosigkeit, Verzweiflung: Wenn pflegende Angehörige an ihre Grenzen stoßen, können sich lange aufgestaute Aggressionen entladen. Doch auch umgekehrt kann es zu Gewalt kommen – von Seiten des Pflegebedürftigen. Ursache sind dann häufig Krankheiten wie Demenz oder Depressionen.

Senior schaut aus dem Fenster © Thinkstock

So unterschiedlich kann sich Gewalt in der Pflege äußern

Gewalt in der Pflege kann in allen Konstellationen auftreten: zwischen Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen genauso wie bei professionellen Pflegekräften in ambulanten Pflegediensten oder Pflegeheimen. Alle Beteiligten können sowohl Täter als auch Opfer sein.

Zudem kann Gewalt in der Pflege sehr unterschiedliche Formen annehmen. Meist denkt man zuerst an physische Gewalt, also körperliche Misshandlungen und Übergriffe. Wohl am häufigsten – und auch am unauffälligsten – ist jedoch psychische Gewalt. Demütigung, Beleidigung, Nicht-Achten der Privatsphäre, Missbrauch der Machtposition, Manipulation, Ignorieren, Freiheitsentzug: Das sind nur einige Beispiele, wie sich psychische Gewalt in der Pflege äußern kann. Außerdem fasst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch Eingriffe in das finanzielle Vermögen des Pflegebedürftigen – etwa Diebstahl oder Betrug – als Gewalt auf.

Hilflosigkeit, Überforderung, Krankheiten: Ursachen für Gewalt in der Pflege

So unterschiedlich die auftretenden Formen der Gewalt in der Pflege sind, so unterschiedlich können auch die Ursachen sein. Pflegebedürftige können es oft nur schwer verkraften, ständig auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. Sie fühlen sich hilflos, abhängig und ausgeliefert. Frustration, Depression aber auch Aggression können die Folge sein. Außerdem kann Aggressivität und Übergriffigkeit mit bestimmten Erkrankungen zusammenhängen, beispielsweise mit Demenz. Demente Menschen sind in ihrer Wahrnehmung gestört, desorientiert und verunsichert und reagieren unter anderem oft mit Rückzug oder Aggression. Übergriffe auf Pflegende – auch auf ihre eigenen Angehörigen – kommen deshalb immer wieder vor.

In der häuslichen Pflege übernehmen meist Angehörige die Betreuung des Pflegebedürftigen. Hier treten neben finanziellen Problemen nicht selten diverse weitere Schwierigkeiten auf: Die Pflegenden leiden häufig unter einer Doppelbelastung aus Pflege und Beruf, es besteht eine enge emotionale Bindung, eventuell sind familiäre Konflikte ungelöst, die Arbeit wird vom Rest der Familie oft nicht richtig anerkannt. Solche und weitere Faktoren können auf Dauer zu Überlastung, Überforderung und Anspannungen führen. Kommen dann noch Unnachgiebigkeit, Aggressionen und mangelnde Kooperationsbereitschaft auf Seiten des Pflegebedürftigen hinzu, ist Gewaltanwendung keine Seltenheit.

Ähnlich gestaltet sich oftmals auch die Situation bei professionellen Pflegekräften. Sie können zwar eine gewisse emotionale Distanz zu den Pflegebedürftigen wahren – häufig wird ihre Arbeit jedoch nicht anerkannt und schlecht entlohnt. Hinzu kommen Stress, Zeitmangel, hohe psychische und physische Belastungen sowie mitunter der Unwillen des Pflegebedürftigen. All das kann ebenfalls zu Überforderung führen und die Schwelle zur Gewaltanwendung senken.

Konflikte bewältigen, Gewalt vorbeugen

Egal ob man Gewalt erfährt, an sich selbst merkt, dass man zu Gewalt als Konfliktlösung neigt oder an einem Pflegebedürftigen Anzeichen für Gewaltanwendung durch Pflegende entdeckt: Das A und O ist, das Problem offen anzusprechen. Gerade Pflegebedürftige, die Gewalt ausgesetzt sind, trauen sich das allerdings oft nicht. Ohne ein offenes Gespräch lässt sich die Situation jedoch meist nicht ändern.

Gewalt durch Pflegende entsteht meist durch Überforderung. Häufig lässt sie sich verhindern, wenn sich Pflegende rechtzeitig Hilfe suchen. Das können sein: andere Angehörige, die bei der Pflege unterstützen, professionelle Beratung bei Pflegeberatungsstellen, der Besuch von Pflegekursen, Leistungen eines ambulanten Pflegedienstes, Kurzzeit- und/oder Verhinderungspflege. Wichtig ist zudem, dass pflegende Angehörige auch einmal an sich denken. Entspannungsangebote können hier helfen. Darüber hinaus ist es hilfreich, sich mit der Krankheit des Pflegebedürftigen zu beschäftigen. Wer weiß, dass bestimmte Verhaltensmuster mit der Erkrankung zusammenhängen, kann vielleicht „lockerer“ damit umgehen.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 23.01.2015
  • Autor/in: Christina Landauer, Medizinredakteurin, vitanet.de;
  • Quellen: World Health Organisation (2011): European report on preventing elder maltreatment: http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0010/144676/e95110.pdf
  • Verbraucherzentrale Hamburg (2012): Pflege zuhause – Schutz vor Gewalt, Betrug und Pflegefehlern: http://www.vzhh.de/gesundheit/30214/Pflege-zuhause_2012.pdf
  • Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (2009): Gewalt und Aggression in der Pflege. Ein Kurzüberblick: http://www.konfliktfeld-pflege.de/dateien/text/database/down/EP-PUGA-Gewalt-und-Aggression-in-der-Pflege-Kurzueberblick.pdf
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