Pflegegrade: die Einstufung

Selbstständigkeit ist seit dem 1. Januar 2017 das ausschlaggebende Kriterium für die Einstufung in einen Pflegegrad. Sechs Lebensbereiche (Module) werden hierzu begutachtet. Je höher der Unterstützungsbedarf, desto höher die vergebene Punktzahl – und entsprechend auch der Pflegegrad. 

Maximal 100 Punkte kann der Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) insgesamt vergeben. Mindestens 12,5 sind für die Eingruppierung in Pflegegrad 1 erforderlich, mindestens 90 Punkte für Pflegegrad 5. Die sechs Module fließen mit unterschiedlicher Gewichtung in das Gutachten ein. Am stärksten wird mit 40 Prozent das Modul Selbstversorgung gewichtet. Es umfasst Aktivitäten wie Essen, Körperpflege und An- und Auskleiden. Am wenigsten fließt das Modul Mobilität in die Berechnung ein.
Module zur Einstufung durch den MDK © vitapublic

Die sechs Module

Wie selbstständig kann der Betroffene sitzen oder sich waschen? Ist er unruhig, ängstlich oder aggressiv gegenüber anderen? Vom MDK werden Verhaltensweisen und Fähigkeiten in sechs verschiedenen Lebensbereichen begutachtet und fließen in die Gesamtbewertung der Pflegebedürftigkeit ein:
  1. Mobilität: zum Beispiel Positionswechsel im Bett, Halten einer stabilen Sitzposition, Treppensteigen
  2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten: zum Beispiel Erkennen von Personen aus dem näheren Umfeld, örtliche Orientierung, zeitliche Orientierung, Erinnern an wesentliche Ereignisse oder Beobachtungen, Treffen von Entscheidungen im Alltagsleben, Erkennen von Risiken und Gefahren, Beteiligen an einem Gespräch
  3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen: zum Beispiel nächtliche Unruhe, selbstschädigendes Verhalten, verbale Aggression, Beschädigung von Gegenständen, Abwehr pflegerischer Maßnahmen, Ängste, Antriebslosigkeit
  4. Selbstversorgung: zum Beispiel Waschen, Duschen, Baden, An- und Auskleiden, mundgerechtes Zubereiten der Nahrung, Eingießen von Getränken, Essen, Trinken, Benutzen einer Toilette oder eines Toilettenstuhls, Bewältigen der Folgen einer Harninkontinenz
  5. Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen: zum Beispiel die Einnahme von Medikamenten, Injektionen, Versorgung intravenöser Zugänge, Messung und Deutung von Körperzuständen, Verbandswechsel und Wundversorgung, Versorgung bei Stoma, Arztbesuche, Einhalten einer Diät oder anderer krankheits- oder therapiebedingter Verhaltensvorschriften
  6. Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte: zum Beispiel die Gestaltung des Tagesablaufs und Anpassung an Veränderungen, Ruhen und Schlafen, sich beschäftigen, Interaktion mit Personen im direkten Kontakt, Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfelds

So viele Punkte sind für die einzelnen Pflegegrade erforderlich

Je nach Gesamtpunktzahl, die der Gutachter beim MDK-Besuch ermittelt, wird der Pflegebedürftige in einen entsprechenden Pflegegrad eingestuft:
Pflegegrad Maß der Beeinträchtigung Punkte
Pflegegrad 1 geringe Beeinträchtigung der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten ab 12,5 bis unter 27 Gesamtpunkte
Pflegegrad 2 erhebliche Beeinträchtigung der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten ab 27 bis unter 47,5 Gesamtpunkte
Pflegegrad 3 schwere Beeinträchtigung der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten ab 47,5 bis unter 70 Gesamtpunkte
Pflegegrad 4 schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit oder der Fähigkeiten ab 70 bis unter 90 Gesamtpunkte
Pflegegrad 5 schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung ab 90 bis 100 Gesamtpunkte

Besonderheit

Eigentlich ist es kaum möglich, bei rein körperlichen schweren Beeinträchtigungen den höchsten Pflegegrad zu erreichen. Ausnahme: Wer beide Arme und beide Beine nicht nutzen kann, kann den Pflegegrad 5 erhalten, auch wenn die Gesamtpunktzahl im Pflegegutachten unter 90 liegt. Man spricht dann von einer „besonderen Bedarfskonstellation“. Voraussetzung dafür ist der vollständige Verlust der Greif-, Steh- und Gehfunktionen. Das kann beispielsweise im Wachkoma oder bei starken Muskelverkürzungen der Fall sein – auch dann, wenn noch eine minimale Restbeweglichkeit der Arme (zum Beispiel unkontrollierbare Greifreflexe) vorhanden ist.
Autoren und Quellen Aktualisiert: 22.11.2016
  • Autor/in: Dr. med. Anja Vogt, Ärztin, Charité - Universitätsmedizin Berlin
  • Quellen: Sozialgesetzbuch (SGB) XI: Soziale Pflegeversicherung, Verlag C. H. Beck, München
  • H. W. Vogel, H. Weber: Praxis-Ratgeber Pflegeversicherung, Walhalla u. Praetoria Verlag 1996
  • Sozialgesetzbuch (SGB XI) § 15